Das Leben als Hörspiel: Demenzkranke auf der Suche nach der Erinnerung

Stuttgart | 05.08.2015 | Können Alltagsgeräusche aus der ‚Konserve‘ Demenz-Patienten ihre Erinnerung zurückbringen?
Darstellung eines alten Plattenspielers Musik hilft bei Demenz (Bild: stocksnap.io)

Im Radio läuft Zarah Leander. Plötzlich kommt Bewegung in das sonst so apathische Gesicht. Die Augen weiten sich, der Mund deutet ein Lächeln an, die Brauen gehen nach oben. Die alte Frau richtet sich in ihrem Sessel auf und beginnt zu horchen.

Musik und Demenz – schon lange weiß man um die anregende Wirkung akustischer Reize auf Demenzkranke und Alzheimer-Patienten. „Durch und während Musik verbessern sich verbale und vokale Verhaltensauffälligkeit bei dementen Menschen um 30 Prozent“, heißt es in einer Studie der Demenzforscherin Jiska Cohen-Mansfield.

Außenaufnahmen in Heidelberg Für die Aufnahmen gehen die Stipendiaten direkt vor Ort (Bild: privat)

Alltagsgeräusche erleichtern die Erinnerung

Wenn Musik solch intensive Empfindungen auszulösen vermag, wie steht es dann um andere vertraute Geräusche? Dieser Frage gehen derzeit eine Studentin und ein Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg nach. Im Rahmen ihres von der MFG Stiftung geförderten Projekts Der Klang der Erinnerung möchten sie Demenzkranken ein Stück ihrer Identität zurückgeben. Dafür begeben sich Liv Scharbatke und Tobias Scherer gemeinsam mit den Betroffenen und deren Angehörigen auf eine Zeitreise. In Gesprächen und mithilfe ausführlicher Fragebögen versuchen sie herauszufinden, welche Geräusche für den Erkrankten eine besondere Bedeutung haben. 

„Das kann für jeden etwas anderes sein“, sagt Liv Scharbatke. Für den aktiven Imker ist es womöglich der Flug der Bienen, für den Auto-Liebhaber das Dröhnen von Motoren, für die Reiterin das Wiehern der Pferde. „Welche Geräusche wir aus der Vielzahl akustischer Reize herausfiltern, was uns aufhorchen lässt und was welche Emotionen auslöst, ist sehr individuell“, erklärt ihr Projektpartner Tobias Scherer. Als Sounddesigner hat er sich im Rahmen seines Studiums auch mit dem Thema Psychoakustik beschäftigt und weiß, dass nicht nur Musik, sondern auch Alltagsgeräusche Auslöser für emotionale Reaktionen sein können.

Die Stipendiatin Liv Scharbatke im Gespräch mit einem Betroffenen Die Stipendiatin Liv Scharbatke im Gespräch mit einem Betroffenen (Bild: privat)

Patienten werden umgänglicher und reagieren positiver

Dieses Wissen wollen die beiden Stipendiaten nun in einem Praxisprojekt umsetzen. Denn im nächsten Schritt erstellen sie aus den Informationen, die sie gesammelt und aus den Geräuschen, die sie aufgenommen haben, für zwei bis drei Betroffene individuelle Hörspiele. Dank der Unterstützung durch das Karl-Steinbuch-Stipendium können sie sich auch das notwendige technische Equipment dafür leisten. „Wir brauchen Kopfhörer und hochwertige Lautsprecher, um die Hörspiele in angemessener Qualität zu produzieren“, erklärt Tobias Scherer. Zusätzlich hat ihnen das Stipendium noch weitere Vorteile gebracht. „Wir können auf Vermittlung der MFG Stiftung hin Probeequipment von unserer Hochschule ausleihen“, so der Stipendiat.   

Die geplanten Hörspiele sollen den Patienten nicht nur die Erinnerung an eine verloren gegangene Welt zurückzubringen, sondern sie auch umgänglicher und aufgeschlossener für die angebotenen Therapien machen. „Menschen, die an Demenz erkranken, sind oftmals schwierig zu pflegen“, erklärt Tobias Scherer. „Sie sind aggressiv, verweigern sich jeglicher Hilfe oder ziehen sich in ihre eigene Welt zurück.“ Aus Sicht der Betroffenen ist eine solche Reaktion allzu verständlich: „Wenn man die Diagnose Demenz erhält, ist das, als ob einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird“, erklärt Liv Scharbatke und ergänzt:  „Alles, was den Erkrankten hilft, ihre Identität zurückzuerlangen und zu erkennen, wer sie sind und wo sie herkommen, wirkt sich deshalb positiv auf die Therapie aus.“

Die Pflege von Demenzkranken ist für alle Beteiligten ein schwieriges Thema Die Pflege von Demenzkranken ist für alle Beteiligten ein schwieriges Thema (Bild: pixabay)

Demenz ist ein Thema, über das man nicht gerne spricht 

Doch von der Erkenntnis bis zur Umsetzung ist es manchmal ein weiter Weg – insbesondere, wenn man sich an ein so heikles Thema wie Demenz wagt. Das haben auch Liv Scharbatke und Tobias Scherer erfahren. Schließlich sind sie für die Umsetzung ihrer Hörspielidee auf die Unterstützung von Pflegern und Angehörigen angewiesen. „Wir haben zwei Fragebögen ausgearbeitet – einen für die Verwandten, einen für die Pflegekräfte“, sagt Liv Scharbatke. Darin werden sie zur Biografie, zu den Vorlieben, Hobbies und zum aktuellen Gesundheitszustand des Erkrankten befragt. „Das reicht von so grundlegenden Themen wie Lieblingsessen und bevorzugter Musik bis hin zu Besonderheiten in der Biographie, die weit in die Vergangenheit reichen“, ergänzt Tobias Scherer. 

Diese Fragen zu beantworten, kostet nicht nur Zeit – Zeit, die im Pflegealltag häufig fehlt – es kostet auch Mut. Sich der eigenen Vergangenheit und den eigenen Entscheidungen kritisch zu stellen, ist nicht immer leicht. „Uns geht es in keinster Weise darum, dem Pflegepersonal zu zeigen, wie man es besser machen könnte“, sagt Tobias Scherer. Trotzdem fühlten sich die Pflegekräfte mitunter angegriffen. Noch schwieriger ist das Thema vielen Angehörigen zu vermitteln. „Kein Mensch ist schuld, wenn ein Demenzkranker ins Pflegeheim kommt, weil die Familie die Pflege nicht mehr alleine stemmen kann“, so Liv Scharbatke. Viele Verwandte fühlten sich trotz alledem schuldig und möchten nur ungern über das Thema sprechen. 

Tobias Scherer bei der Nachbearbeitung der Hörspiele am Mischpult Tobias Scherer bei der Nachbearbeitung der Hörspiele am Mischpult (Bild: privat)

Hörspiele lösen Glücksgefühle aus

Manchen wird auch erst im Laufe des Projektes bewusst, worauf sie sich eingelassen haben. Nach aufschlussreichen Gesprächen in einem Nürnberger Pflegeheim müssen Liv Scharbatke und Tobias Scherer deshalb nun noch einmal ganz von vorne beginnen. Sie waren in der Biografie-Arbeit schon weit fortgeschritten, als die Angehörigen der Betroffenen ihre Zustimmung zurückzogen. „Ihnen wurde das alles zu viel“, so Tobias Scherer. Nun sind er und seine Projektpartnerin auf der Suche nach einer neuen Kooperation. „Wir werden jetzt den Schwerpunkt auf regionale Pflegeheime legen und uns auf zwei bis drei Betroffene konzentrieren“, so Tobias Scherer. 

Jeder von ihnen soll dafür mehrere Hörspiele erhalten. „Nach dem ersten Hörspiel wollen wir gemeinsam mit den Angehörigen und Pflegekräften evaluieren, was am besten funktioniert und die weiteren Hörspiele daran ausrichten“, erklärt Tobias Scherer. Dass ihr Konzept funktioniert, davon konnten sie sich bereits bei den Vorarbeiten zu „Klang der Erinnerung“ überzeugen. „Wir haben den Betroffenen einzelne Hörschnipsel vorgespielt von Geräuschen, von denen wir dachten, dass sie Glücksgefühle auslösen“, so der Stipendiat. „Am Anfang waren sie irritiert, aber dann haben sie sehr positiv reagiert und wollten die Aufnahmen behalten.“ 

Autorin: Michaela Kürschner
Mehr Infos:

Filmakademie Baden-Württemberg
Karl-Steinbuch-Stipendium
Vorstellung der Karl-Steinbuch-Stipendiaten 2014/15
Studiengang Filmmusik und Sounddesign an der Filmakademie Baden-Württemberg

Studentischer Forschungsgeist zwischen den Disziplinen

Das Karl-Steinbuch-Stipendium fördert studentische Forschungsprojekte kreativer Querdenker.  In einer Themenreihe stellt die MFG interdisziplinäre Projekte vor, an denen die Stipendiaten aktuell arbeiten: