Scheitern, aufstehen, gewinnen

Stuttgart | 30.11.2017 | Design Thinking in der Praxis: Beim HOLA Innovation Pitch räumte das Team Einkauf zwei Preise ab
Team Einkauf mit Gutscheinen Gewinnerteam (v.l.): Natalie Cyrys, Oliver Wetter, Leonie Conteh, Jasmin Janz (Bild: MFG / Bächtle)

Das HOLA-Programm der  MFG Baden-Württemberg lief 2017 zum zweiten Mal. Nach Summer School und Projektphase präsentierten die vier Teilnehmer-Teams ihre Ergebnisse beim abschließenden HOLA Innovation Pitch. Ein Team konnte sich gleich zweimal freuen: Es sicherte sich sowohl den Jury- als auch Publikumspreis und wird auf der OPEN! 2017 seine Ideen an einem Stand vorstellen.

Zwei Erfahrungen durften die vier Projektgruppen, die zum HOLA Innovation Pitch am 21. November in Stuttgart antraten, gleichermaßen machen: Sie scheiterten zunächst alle, und kamen danach dennoch zu tollen Ergebnissen.

Lernen an der Praxis

HOLA steht für „Hochschulübergreifendes Labor für kooperatives Arbeiten“. Das Konzept des MFG-Projekts sieht vor, dass interdisziplinäre Teams aus Studierenden sich Aufgaben, so genannten Challenges, stellen, und mit Design Thinking Lösungen entwickeln. Die Challenges kommen von Unternehmen und Institutionen:

Carl Bergengruen, MFG-Geschäftsführer, eröffnet die Abendveranstaltung. Carl Bergengruen, MFG-Geschäftsführer, eröffnet die Abendveranstaltung. (Bild: MFG / Bächtle)

Die Einzelhandelskette Kaufland mit Sitz in Neckarsulm suchte nach neuen Möglichkeiten, das Einkaufserlebnis mit neuen Serviceleistungen zu unterstützen. Die Stuttgarter Web-Agentur Spurenelemente wünschte sich Akquise-Ideen, die zu langfristigen und wertebasierten Kundenbeziehungen führen. Der Verein Behindertenförderung Linsenhofen e.V. suchte nach Wegen, mehr Menschen fürs Ehrenamt zu motivieren, und das Kunstmuseum Stuttgart trieb die Frage um, wie es mehr Interesse für das Kunstangebot im Glaswürfel am Stuttgarter Schlossplatz wecken kann.

„Art mal anders“

Das Team „Museum“ entwickelte nach vielen Befragungen sowie anhand von Beobachtungen einen Mustertyp des Museumsverweigerers. Diese so genannte Persona repräsentiert die Zielgruppe, für die mit Design Thinking Lösungen erarbeitet werden. Die Museumspersona war Max. Er ist Anfang 30, ein lässiger Typ, der Skateboard fährt und sich regelmäßig mit Kumpels trifft. Ins Museum geht er nur, wenn seine Freundin ihn hinschleppt.

Jasmin Eck mit Mikro Jasmin Eck, Uni Mannheim, präsentiert für das Team Museum. (Bild: MFG / Bächtle)

Mehrere Ideen entwickelte das Team. Schließlich fiel die Wahl auf eine Veranstaltungsreihe am Abend, deren Motto laufend wechselt: „Macht euch die Hände schmutzig“ für einen Schnellkurs im Malen, oder „Licht und Schatten und Kunst“ für eine Museumstour mit Taschenlampe. Jedes Event klingt mit einem Treffen bei Häppchen und Getränken aus. Kunst after work in einem spielerischen Format, anschließend mit Leuten quatschen und noch ein Kaltgetränk genießen – für Max passt das.

„Uns gefällt diese Idee der Abendevents zu verschiedenen Themen mit anschließendem Get-together“, sagt Sandra Feller, wissenschaftliche Assistentin in der Kunstvermittlung des Kunstmuseums und Challenge-Geberin. „Die Gruppe hat eine passende Persona entwickelt, die den Nicht-Besucher gut beschreibt. Auch die Vorschläge, wie man die Maßnahmen bewerben könnte, wie zum Beispiel der Claim ‚Art mal anders’, finden wir gut. Was man wie umsetzen kann, muss nun weiter diskutiert werden.

Gruppenbild der Jury Die Jury (v.l.): Marilena Weber, Alexander Keil, Beate Lex, Dr. Ralf Allrutz (Bild: MFG / Bächtle)

Digitalisierung für Schulen

Das Team „Kundenbeziehungen“ erkannte den Bildungssektor als potenzielles Klientel der Agentur Spurenelemente. Die Webseite der Agentur setzt gestalterische Elemente ein, die zum Beispiel gut zu Schulen passen. Mit ihrem werteorientierten Ansatz und ihren webbasierten Services bietet die Agentur Anknüpfungspunkte an den Alltag in Bildungseinrichtungen. Der Design Thinking Prozess führte zu einem Ideenwettbewerb, den die Agentur für Schulen ausrichtet. Dabei sollen die Wettbewerbsteilnehmer die Frage klären „Welche Digitalisierung hilft eurer Schule?“ Damit macht sich Spurenelemente bekannt, kommt ins Gespräch und kann Lösungen vorschlagen. Im Gegenzug führt die Agentur mit dem Sieger ein kleines IT-Projekt durch und bietet eine Bildungspartnerschaft an.

Von der Party ins Ehrenamt

Die Projektgruppe „Ehrenamt“ untersuchte mit Interviews, was Menschen am Ehrenamt hindert. Die Ergebnisse zeigten drei Hemmnisse: Die Leute wissen nicht, wie sie unterstützen können, sie wissen nicht, an wen sie sich wenden können, oder sie trauen sich einfach nicht. Nach einigen Design-Thinking-Runden entstand die Idee der Hobbyparty. Die meisten Menschen haben ein Hobby, somit erreicht man ein breites Spektrum an potenziellen Ehrenamtlichen. Viele Menschen haben zudem Lust, ihr Steckenpferd mit anderen zu teilen. Auf einer Hobbyparty bieten Menschen an Aktionsständen ihre Freizeitbeschäftigung zum Mitmachen an: Basteln, Fußball, Fotografie und vieles mehr. Die Bewohner der Einrichtung können in kurzer Zeit vieles ausprobieren und kennenlernen. Am Ende der Party signalisieren sie mit Stickern, welches Angebot sie gerne annehmen wollen.

Das Publikum klatscht Abstimmung per Applaus für den Publikumspreis (Bild: MFG / Bächtle)

Schnelles Ergebnis, komplettes Scheitern

Das Team „Einkauf“ hatte bereits in der Auftaktwoche der Summer School eine vielversprechende Idee: „Fast Track“, eine auf Schnelligkeit getrimmte Einkaufsabteilung in Kauflandfilialen. Hier können Kunden rasch die wichtigsten Lebensmittel für den Abend oder den nächsten Tag kaufen. Reduziertes Sortiment, übersichtlich angeordnet, die Kunden scannen die Waren selbst und bezahlen mit Karte. Rein, kaufen, heim. Guerilla-Einkauf. Die Idee wurde verfeinert und dem Challenge-Geber Kaufland präsentiert. Begeisterung löste „Fast Track“ nicht aus. „Wir sind damit komplett gescheitert“, berichtet Natalie Cyrys. „Wir lagen mit unserer Persona voll daneben. Kauflandkunden kaufen große Mengen und viele Waren. Unsere Persona kauft wenig und ihr genügt ein kleines Angebot.“

Neue Persona führt zur Lösung

Das Aus kam im Oktober, nach etwa acht Wochen Arbeit. Der Stresspegel stieg sprunghaft: Der Pitch nahte, der Ideenkorb war leer. „Da hat sich aber gezeigt, wie wertvoll die Methode Design Thinking ist“, sagt Natalie Cyrys. Aus den Erkenntnissen, die in über 100 Interviews und bei Besuchen in Kauflandfilialen gewonnen wurden, leiteten die vier Ideensucher zwei neue Personas ab: Das Pärchen Tanja und Thomas. Sie ist die routinierte Alltagsheldin, die beim Einkauf alles mit links erledigt. Er ist der Zweckeinkäufer, der im Supermarkt schnell mal die Orientierung verliert. Des Weiteren definierte das Team drei einkaufstypische Probleme: Man sucht ständig die Produktstandorte, man hat im Laden eine spontane Idee wie Kuchen backen, kann sie aber nicht umsetzen, weil Detailwissen fehlt, und zuhause angekommen merkt man, dass man etwas vergessen hat.

„Diese drei Probleme haben wir in drei Leitfragen umgewandelt“, erklärt Oliver Wetter. Wie vermeide ich Sucherei? Wie vermeide ich, etwas zu vergessen? Wie organisiere ich mich während des Einkaufs besser? Die Lösung heißt „Kompass“, eine App fürs Smartphone, die die klassische Einkaufsliste umsortiert anhand der Produktanordnung in einer Kauflandfiliale. Zusätzlich kann die App in Echtzeit passende weitere Produkte vorschlagen, also zum Beispiel fürs Kochen inspirieren.

Ebenfalls wichtig beim HOLA Innovation Pitch: Networking Ebenfalls wichtig beim HOLA Innovation Pitch: Networking (Bild: MFG / Bächtle)

Doppelsieg für „Kompass“

„Kompass“ überzeugte den Challenge-Geber Kaufland: „Eine tolle Idee“, sagt Shari Langes, die bei Kaufland IT-Services entwickelt. „Mich hat fasziniert, dass ein Team, in dem alle aus IT-fremden Disziplinen kommen, sich so gut auf das Thema eingelassen hat. Der Zugang aus völlig verschiedenen Perspektiven bringt frischen Wind und neue Ideen. Technisch ist das Konzept zwar nicht einfach umzusetzen, aber wir verfolgen den Ansatz weiter. Die Teilnahme an HOLA ist für uns ein voller Erfolg.“

Überzeugen konnte „Kompass“ auch die Besucher beim Innovation Pitch. Auf 92,2 Dezibel trieb das Publikum die Lautstärke beim Abstimmungsapplaus für das Team „Einkauf“, 92,1 gab es für das Team „Ehrenamt“. Dahinter folgten die Gruppen „Museum“ und „Geschäftsbeziehungen“. Die vier Juroren Marilena Weber, Vector Informatik GmbH, Beate Lex, MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, Ralf Allrutz, Allrutz Consulting, und Alexander Keil, mainstijl Markenkommunikation, berieten sich länger als vorgesehen. Doch am Ende entschieden auch sie sich für die Kompassmacher.

Kennenlernen auf der OPEN! 2017

Damit konnte die Gruppe mehrere Preise einheimsen: ein Seminar nach Wahl aus dem Bildungsangebot der MFG Akademie, ein Coaching durch das Beratungsunternehmen SOMMERRUST zum „Business Model Innovation“ und einen Stand auf der OPEN! 2017 – Konferenz für digitale Innovation am 6. Dezember im GENO Haus in Stuttgart. Wer die vier kreativen Köpfe und die Idee „Kompass“ näher kennen lernen möchte, hat auf der OPEN! 2017 also Gelegenheit. Auch übers Scheitern darf gesprochen werden.

Autor: Christoph Bächtle
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