Sehen und gesehen werden

Reutlingen | 31.05.2017 | Bei der Landeskonferenz Kreativland Baden-Württemberg ging es um die Sichtbarkeit kreativer Arbeit
Moderatoren und Ministerin auf der Bühne Moderatoren Dörthe Eickelberg und Pierre Girard mit Ministerin Hoffmeister-Kraut (Bild: WM BW)

Die Kreativbranche in Baden-Württemberg leistet hervorragende Arbeit, aber sie wird noch zu wenig wahrgenommen. Das ist das Fazit der Kreativland Baden-Württemberg – Landeskonferenz für Kreativwirtschaft am Montag, 22. Mai 2017, in Reutlingen. „Die Branche ist für Baden-Württemberg ein großer Innovationstreiber. Aber das wissen viele Menschen eben nicht“, sagte Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, die Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau vor rund 200 Konferenzteilnehmern im Kunstverein Reutlingen.

Die Vernetzung von Kreativen untereinander und mit klassischen Wirtschaftsunternehmen sei eine Möglichkeit, um die Sichtbarkeit der rund 30.000 Kreativunternehmen im Land zu verbessern. Das sei auch wichtig, um die Attraktivität der Wirtschaft im Südwesten insgesamt zu erhöhen und „Menschen anzuziehen“, so die Ministerin. Mehr als 200.000 Beschäftigte im Südwesten arbeiten unter anderem in den Bereichen Spieleentwicklung, Design, Architektur, Mode, Film, Journalismus oder Kulturmanagement.

Nach der Eröffnung durch Ministerin Hoffmeister-Kraut, Reutlinger OB Barbara Bosch und die Präsidenten der IHK Reutlingen und der Handwerkskammer Reutlingen kamen Erfolgsbeispiele in Sachen Sichtbarkeit ins Spiel.

Lukas-Pierre Bessis auf der Bühne Lukas-Pierre Bessis, BPPA Bessis Pink Pony Advertising (Bild: Wirtschaftsministerium BW)

Sichtbarkeit in der Praxis

Laut Lukas-Pierre Bessis, Geschäftsführer von BPPA Bessis Pink Pony Advertising, Stuttgart, bringt das Stichwort „Aufmerksamkeitsökonomie“ ins Spiel: „Die Aufmerksamkeit des Einzelnen ist ein hohes Gut“. Um sie zu bekommen, reichen die einfachen Botschaften, die wir früher hatten, nicht mehr. Wie es geht, zeigt seine eigene Werbekampagne zugunsten der Stadt Biberach. Die YouTube-Kampagne hat bis heute insgesamt 27 Millionen Menschen erreicht.

Oft ist „schnörkellose Kommunikation“ für Besteller von Kreativleistungen sehr wichtig, unterstreicht Stefanie Huber, Geschäftsführerin der 9.2 Agentur für Kommunikationsdesign, Kirchentellinsfurt, und Vertreterin des Netzwerks Kreativwirtschaft der IHK Reutlingen.

Graphic Recording bei der Kreativland Baden-Württemberg Graphic Recording bei der Kreativland Baden-Württemberg (Bild: Wirtschaftsministerium BW)

Dass die Grenzen zwischen Handwerk, Kreativität und Kunst häufig fließend sind, zeigt Janosch Vecernjes, Inhaber von albMesser in Hohenstein. Er bezeichnet sich als „kreativen, innovativen Handwerker“. Und sagt: „Es kommt nicht darauf an, was du machst, sondern mit welcher Leidenschaft du es machst.“ Sei die Voraussetzung gegeben, könnten Kreative auch abseits der urbanen Zentren erfolgreich sein – wie er selber auf der Schwäbischen Alb.

Es braucht das Feuer. Wenn man etwas machen möchte, dann geht’s auch“, so sieht es auch Frank Heinlein, Vorstand des Stuttgarter aed Verein zuur Förderung von Architektur, Engineering und Design. Auch sein Verein setze auf die Vernetzung von Kreativen.

Stefanie Huber, 9.2 Agentur für Kommunikationsdesign (Bild: Wirtschaftsministerium BW)

Sorge um den Ausbildungsstand des Nachwuchses

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion wurde die Aus- und Weiterbildung der Kreativen als große Herausforderung identifiziert: „Hochschulbildung hört irgendwann auf“, so Lukas-Pierre Bessis, BPPA. „Wir haben aber den Fakt, dass sich in den letzten zehn Monaten mehr verändert hat als in den letzten zehn Jahren. Das lässt unsere Kunden nicht kalt. Und das Gleiche betrifft uns Agenturen.“ aed-Vorstand Dr. Frank Heinlein warnt: „Die Studenten haben nicht mehr die Zeit, frei und kreativ zu arbeiten“. Nach seiner Wahrnehmung droht im internationalen Vergleich „der absteigende Ast“.

Agenturinhaberin Stefanie Huber berichtet von der durchwachsenen Qualität der Bewerbungen, die junge Mediengestalter oder andere Nachwuchskräfte an ihr Unternehmen richten. Eine Kernkompetenz von Kreativen müsse sein, aus eigenem Ansporn Trends zu erkennen, sich ständig mit neuester Software vertraut zu machen und „alles in sich aufzusaugen“.

Dominik Kuhn alias Dodokay auf der Bühne Dominik Kuhn alias Dodokay, Starpatrol Entertainment in Reutlingen (Bild: Wirtschaftsministerium BW)

Zu hohe Erwartung an Viralwerbung?

Über „Virales Marketing im Todesstern Stuttgart“ sprach Dominik Kuhn alias Dodokay von Starpatrol Entertainment in Reutlingen. „Das Ganze funktioniert genauso wie ein Virus auch funktioniert. Einer ist angesteckt von Werbung, geht raus und steckt andere an“, so Kuhn in seiner Keynote. Voraussetzung dafür sei, dass der „Content“ der Werbebotschaft „emotional oder hip ist“, um in sozialen Medien geteilt zu werden.

Kuhn warnte vor zu hohen Erwartungen an Viralwerbung. Sie ist geeignet, eine „positive Grundstimmung“ für Marken oder Produkte zu schaffen; unmittelbare Kaufanreize setzt sie nicht zwangsläufig. Zudem sind wegen der riesigen Fluten von Werbebotschaften zum Beispiel auf YouTube die ganz goldenen Zeiten für virale Hits wohl vorbei. Unternehmen, die sich dennoch durchsetzen wollen, empfahl Kuhn das strategische und zielgruppengerichtete Streuen von Medienbotschaften im Internet mit Hilfe professioneller Agenturen, genannt „Seeding“. Das sei jedoch teuer.

Ein Appell auch an Städte und Gemeinden

Von der Konferenz bleibt der Eindruck, dass die Kreativwirtschaft noch unterschätzt wird, auch wenn Kreativität ein elementarer Rohstoff ist in Baden-Württemberg. In Zukunft wird eine stärkere Vernetzung der Kreativwirtschaft im Fokus der Politik stehen. Hier sind auch Städte und Gemeinden gefordert, Kreativen Raum zu bieten.

Eingang Kunstverein Reutlingen Die Kreativland 2017 fand im Kunstverein Reutlingen statt. (Bild: Wirtschaftsministerium BW)

Christoph Heise von der Industrie- und Handelskammer Reutlingen sagte, die Qualität der Hochschulausbildung im Kreativbereich sei ein „extrem schwieriges Feld“. Er ergänzte: „Das wird ein Thema sein, an das wir uns noch mal heranwagen müssen.“

Ideenstarke Preisverleihung

Die Landeskonferenz für Kreativwirtschaft ist eine Veranstaltung des Wirtschaftsministeriums. Organisiert wird das Branchentreffen von der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. Erstmals hat die MFG am Abend der Konferenz ihre neu entwickelte Auszeichnung „Ideenstark“ vergeben. Zu den zwölf Gewinnern aus ganz Baden-Württemberg gehören zum Beispiel die Entwickler einer medizinischen Notfall-App, die Erfinder eines neuen Roboters oder ein Möbelbauer. Die von einer  Fachjury ausgewählten Klein- oder Einzelunternehmen können sich nun ein Jahr lang kostenlos unternehmerisch weiterbilden lassen. Zum Ideenstak-Programm gehören Coachings, Workshops und Impulsreisen zur Kreativszene und zu Unternehmen und Netzwerken anderer Städte und Regionen.

Überreicht wurden die Ideenstark-Trophäen durch Katrin Schütz, Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg und MFG-Geschäftsführer Prof. Carl Bergengruen. Aufgrund des großen Anfangserfolgs wird der Preis laut Bergengruen auch im kommenden Jahr vergeben.

Autor: Rüdiger Bäßler
Mehr Infos:

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